Anderthalb Jahre ist es her, dass Johnny Ertl bei der Wiener Austria seine Sachen packte und sich den Traum von der Insel erfüllte. Nun, in seinem zweiten Jahr bei Crystal Palace, scheint er auch sportlich angekommen zu sein in der Championship, Englands zweithöchster Spielklasse. Die Anforderungen an einen Fußballprofi sind im Mutterland des Fußballs naturgemäß hoch. Mit weltfussball.at sprach Johnny Ertl über Startschwierigkeiten, Erwartungshaltungen und den traditionell dichten Spielplan zu Weihnachten und Neujahr.

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Johnny Ertl hat sich in die Stammelf von Crystal Palace gekämpft

„Für besinnliche Feiertage im Kreise der Familie bleibt keine Zeit. Das ist das Los eines Fußballers auf der Insel,“ gibt sich Johnny Ertl seiner Entbehrungen bewusst. Während am Weihnachtstag das ganze Land neugierig in die Christmas Stockings sieht, ist der Blick der Fußballer bereits auf die Vorbereitung für das nächste Spiel gerichtet. Anderswo pausiert der Ligabetrieb, nicht so aber in Großbritannien. Denn dort hat der Feiertagskick Tradition und Matchtickets für Spiele rund um Weihnachten und Neujahr sind ein beliebtes Geschenk der Eltern an ihre Kinder.

Roy Keane statt Santa Claus

Für den Wahl-Londoner Ertl stehen gleich drei Spiele auf dem Programm. Am 26. Dezember, dem sogenannten Boxing Day, trifft er mit seinem Klub Crystal Palace zu Hause im Selhurst Park auf Ipswich Town. Deren Manager ist das ehemalige Manchester United-Rauhbein Roy Keane. Weihnachtliche Atmosphäre verbreitet dieser nur bedingt.
Nur zwei Tage später gastieren die Eagles, wie Palace genannt wird, bei Swansea City. „Und am 2. Jänner müssen wir zu Sheffield Wednesday. Der prestigeträchtige FA-Cup wartet auf uns,“ freut sich der 27-Jährige.

Zurecht, denn obwohl es keine Stammplatzgarantien gibt bei Crystal Palace, darf Johnny Ertl auf Einsätze hoffen. Überhaupt verläuft diese Saison deutlich erfolgreicher für den Steirer als die letzte. Mit seinen bisher 12 Pflichtspielen hat Ertl bereits vor der Saisonhälfte die Gesamtanzahl der absolvierten Einsätze in der Spielzeit 2008/09 erreicht.

Erst mit Verspätung in England angekommen?

„Das zweite Jahr im Ausland ist schon wesentlich leichter. Man weiß, was auf einem zukommt und kann sich so besser darauf einstellen,“ gesteht Ertl mit einem Verweis auf die großen Umstellungen und das anfangs zu zahlende Lehrgeld: „Die Intensität des Spieles an sich, die Leidenschaft und eine durchgehende Saison mit einer sehr harten Vorbereitung sind nur ein paar Dinge, die eine wirkliche Prüfung für mich im Ausland darstellten.“

Daher versteht der erste Österreicher bei einem Londoner Klub die in seiner Heimat doch spürbare Enttäuschung über die Nicht-Berücksichtigung mancher Legionärskollegen bei ihren Mannschaften nicht: „Einem Spieler sollte man auch eine gewisse Zeit geben sich anzupassen. Anfangs ist alles neu und man ist hungrig alles Neue zu sehen und zu erleben. Nach einer Zeit schleicht sich aber der Alltag ein und dann kommt es zu einem Punkt, wo sich herausstellt, ob man für das Ausland der richtige Typ ist oder nicht.“

Der Ex-Austrianer wuchs selbst mit der Herausforderung: „Ich habe mich aber im physischen und im psychischen Bereich stark verbessert. Ich habe in den eineinhalb Jahren so viel an Erfahrung gesammelt, dass dies sicherlich auch einen Einfluss auf meine Persönlichkeit genommen hat. Ich habe gelernt, dass man mit ehrlicher Arbeit und einem Ziel vor den Augen viel erreichen kann,“ erzählt Johnny Ertl von seinem Schlüssel zum Erfolg – und zu den Herzen der Palace-Fans, bei denen er sich ebenfalls einen sehr guten Status erarbeitet hat.

„Aufstieg ist für Palace immer das Ziel“

Wichtiger ist natürlich die Wertschätzung von Trainer Neil Warnock. Dieser stellte den Verteidiger zuletzt im defensiven Mittelfeld auf. Dies sei aber keine große Umstellung, denn sowohl im Nachwuchs als auch ab und an bei der Wiener Austria kam Ertl auf dieser Position zum Einsatz.
Am vergangenen Wochenende musste der 7-fache österreichische Teamspieler dennoch bereits nach 66 Minuten vom Feld – aus taktischen Gründen. Beim Stand von 0:1 kam für ihn ein Stürmer, der die Partie gegen Sheffield United noch einmal drehen sollte. Doch am Ende musste auch Manager Warnock, der lange im Dienste der Blades stand und der für einen Sieg gegen seinen Ex-Klub sogar eine Sonderprämie ausgelobt hatte, einsehen, dass es nicht der Tag der Eagles war.

Trotz der 0:2-Niederlage bei Sheffield United bleiben die Aufstiegsplätze für Crystal Palace in Reichweite. Nur drei Punkte fehlen dem Tabellenvierzehnten auf den 6.Rang, der zur Teilnahme am Aufstiegs-Play-Off berechtigt. Ertl weiß über die Ziele seines Klubs bescheid: „Unser Verein hat immer den Anspruch aufzusteigen. Realistisch gesehen haben wir natürlich Chancen auf das Play-Off. Den direkten Aufstieg werden wohl Newcastle und ein anderer Verein unter sich ausmachen.“
Hoffnung macht das Beispiel Burnley. In der vergangenen Saison hatte sie niemand auf der Rechnung, dennoch gewannen sie das Play-Off vor 80.000 Zuschauern im Wembley Stadion.
„Das ist auch mein Ziel. Wir haben gezeigt, dass wir die sogenannten großen Kaliber wie Middlesbrough und West Bromwich Albion schlagen können. Jedoch sind wir ein wenig zu unkonstant,“ ist sich Ertl aber auch der Schwächen des Teams bewusst.

Made in Styria

Beim 1:0-Heimsieg im November gegen Middlesbrough spielte der gebürtige Grazer das komplette Spiel durch. Anlässlich dieses Spiels zierte Ertls Konterfei sogar das offizielle Matchprogramm von Palace mitsamt einem großen Interview im Heftinneren.
Leider kam es in diesem Spiel nicht zum ersten Steiermark-Derby auf englischem Boden. Ertls Kollege in verschiedenen Nachwuchsteams, ÖFB-Teamkapitän Emanuel Pogatetz, musste aufgrund einer neuerlichen Verletzung passen. Anfang April kommt es zum 2. Versuch. Vielleicht geht es dann für beide Klubs sogar im direkten Duell um einen der Aufstiegsplätze.

Wie auch die sportliche Zukunft von Crystal Palace, liegt auch die von Johnny Ertl in den Sternen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, Gespräche gab es mit dem Verein aber noch keine. Bleiben würde er nur zu gerne: „Der englische Fußball liegt mir und die Liga ist riesig. Nicht nur von den Zuschauerzahlen her, sondern auch vom Medieninteresse. Mein persönliches Ziel ist es, solange wie möglich meine Fußballschuhe im Ausland zu schnüren.“ Luft nach oben sieht der Defensivallrounder auf und neben dem Rasen: „Ich habe die Möglichkeit mich in jeder Hinsicht weiterzuentwickeln. Ich sehe das auch als Privileg.“

Sebastian Kelterer

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