28.07.2014 08:10 Uhr

Salzburg zu Gast bei den Heimatlosen

Tofik Bakhramov - der Schiedsrichter-Assistent aus Aserbaidschan schrieb Geschichte
Tofik Bakhramov - der Schiedsrichter-Assistent aus Aserbaidschan schrieb Geschichte

Die erste Hürde für Österreichs Meister RB Salzburg auf dem Weg in die Champions League heißt am Mittwoch (ab 17:30 Uhr im weltfussball-Liveticker) FK Qarabağ. Das Hinspiel der dritten Qualifikationsrunde gegen den Meister von Aserbaidschan kann dabei jedoch aus traurigen Gründen nicht in dessen Heimatstadt Ağdam stattfinden.

Denn der Futbol Klubu Qarabağ Ağdam muss ins Tofig Bakhramov Stadion nach Baku ausweichen. Im Nationalstadion von Aserbaidschan, wo sich Österreich am 7. September 2005 in der WM-Qualifikation eine peinliche Nullnummer leistete, gehen die internationalen Begegnungen des Champions über die Bühne. Die eigene Stadt und das eigene Stadion sind dafür leider kein Thema.

Wie schon bei der aktuellen Situation im Osten der Ukraine und in Israel verhindert auch in Ağdam die Politik die Austragung von Fußballspielen. Der Konflikt um Bergkarabach ("gebirgiger schwarzer Garten") lässt Sport und einen völkerverbindenden Vergleich nicht zu. Im Gegenteil: Die Region im Südosten des Kleinen Kaukasus ist zwischen Armenien und Aserbaidschan heftig umstritten.

Nach Auflösung der UdSSR entzündete sich ein militärischer Konflikt. Seit 1992 ist das Gebiet großteils von Truppen der international nicht anerkannten Republik Nagorno Karabach (Bergkarabach) kontrolliert, die sich am 2. September 1991 für unabhängig von Aserbaidschan erklärte und die dieses Gebiet beansprucht. Seit dem 12. Mai 1994, also mehr als 20 Jahren, gibt es zumindest eine Waffenstillstandslinie.

Qarabağ musste nach dem Meistertitel die Heimat verlassen

Für den FK Qarabağ bedeutete der Krieg ausgerechnet nach dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte den Verlust der Heimat. Nach dem Meistertitel 1993 wurde Ağdam am 23. Juli von der armenischen Armee besetzt und seitdem als Teil der Provinz Askeran verwaltet.

Während des Konflikts floh die Bevölkerung in andere Teile Aserbaidschans. Ağdam ist seither eine verwaiste Geisterstadt. Die Häuser der Stadt wurden nach der Eroberung zerstört, um die Flüchtlinge von einer Rückkehr abzuhalten. Als Grund dafür wurde angegeben, dass Ağdam zuvor Ausgangspunkt aserbaidschanischer Angriffe gegen Bergkarabach gewesen sein soll.

Seitdem wird Ağdam von den wenigen Zeugen, die sich in die Stadt verirren oder eine Fahrt ins militärische Sperrgebiet riskieren, wahlweise als "kilometerweite Ansammlung von Ruinen", "Vukovar des Kaukasus" oder als "verlassen, zerstört und geplündert" bezeichnet. Laut dem Völkerrecht gehört die Stadt zwar zu Aserbaidschan, aber hier regiert die Realität und die heißt Besetzung durch Armenien.

Die Republik Nagorno-Karabach hat hier mit ihren Militärbasen der Sezessionsarmee die Kontrolle. Ethnische Vertreibungen und ein blutiger Krieg der Paramilitärs von mehrheitlich christlichen Karabacharmeniern und der Armee der muslimisch geprägten Aserbaidschaner forderten zehntausende Tote. Dazu mussten hunderttausende Menschen ihre Heimat verlassen.

Darunter auch der FK Qarabağ. Ağdam mit seinen einst rund 50.000 Einwohnern ist heute zwar noch im Vereinsnahmen verankert, aber sonst nur mehr ein Stück bittere Erinnerung.

Dem Ex-Coach kostete der Krieg sogar das Leben

Ex-Coach Allahverdi Bagirov kostete der Krieg sogar das Leben. Geboren in Ağdam setzte er sich auf Seiten der Armee von Aserbaidschan für die Verteidigung der historischen Stadt ein und wurde nach seinem Tod 1992 zum Nationalheld.

Im Imarat Stadion von Ağdam waren für den FK Qarabağ ein Jahr später keine Spiele mehr möglich. Kein Wunder, dass im Exil zwischen 1998 und 2001 auch große finanzielle Probleme auf die "Heimatlosen" warteten. Mit dem Einstieg der Azersun Holding gehörten diese monetären Schwierigkeiten jedoch der Vergangenheit an.

Zwei Jahre lang trat man sogar als Qarabağ-Azersun auf, kehrte 2004 jedoch zum traditionellen Namen zurück. 21 Jahre nach dem ersten Meistertitel machten sich die neuen Budgetmöglichkeiten heuer im Sommer dann mit dem zweiten Championat in der Premyer Liqa von Aserbaidschan bezahlt.

Im eigenen Imarat Stadion in Ağdam erinnern heute nur noch Gräber an die erste Meisterschaft im Jahr 1993, doch im Ausweichquartier Tofig Bakhramov Stadion in Baku (benannt nach dem legendären Schiedsrichter-Assistenten, der 1966 im WM-Finale mit seiner Anzeige das legendäre Wembley-Tor ermöglichte) kann das Europacup-Spiel gegen Salzburg vielleicht ein wenig zum vergessen beitragen.

Mehr dazu:
>> Die Qualifikation der Champions League im Überblick

Christian Tragschitz

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