20.02.2017 08:00 Uhr

Der große Tag von Lotto-König Saler

Jubel nach dem Tor von Jürgen Saler zur (Fast-)Meisterschaft
Jubel nach dem Tor von Jürgen Saler zur (Fast-)Meisterschaft

20. Februar: Ein Tag, den Jürgen Saler nie vergessen wird. Vor genau 15 Jahren machte der damalige Profi des SK Rapid mit einem Lotto-Sechser Schlagzeilen.

weltfussball erinnert an einen Traum mit Haus, Familie und Kindern aber auch an die sportlich größte Stunde des Steirers. Ein Ruhm für wenige Minuten. Ein (Fast-)Meistertitel im halbleeren "Sankt Hanappi". Das Selbstvertrauen eines Jackpot-Gewinners mit Ansage und einen schweren privaten Rückschlag.

Von Red Star Knittelfeld nach "Sankt Hanappi"

Jürgen Saler wurde am 4. Oktober 1977 in Knittelfeld geboren. Die Fußball-Karriere begann bei seinem Heimatverein Red Star Knittelfeld und führte über den Nachwuchs des SK Sturm und DSV Leoben im Sommer 1998 nach Wien-Hütteldorf. Der SK Rapid hatte sich aus der Obersteiermark die beiden 21-jährigen Talente René Mitteregger und den um wenige Monate jüngeren Mittelfeldmotor Saler geholt.

Weit mehr Hoffnungen setzte man bei den Grün-Weißen aber auf den neuen Keeper Ladislav Maier und Neo-Sturmtank Angelo Vier. Während der tschechische Klassemann zwischen den Pfosten schon in seinem ersten Bundesligaspiel mit gleich zwei gehaltenen Elfmetern zum Helden beim 1:1-Remis gegen den GAK in Graz wurde, scheiterte der doppelte Torschützenkönig der zweiten deutschen Bundesliga bei Rapid kläglich.

Es gelang Vier mit seinen - nomen est omen - vier Pflichtspiel-Toren für die Grün-Weißen nie "Enffant terrible" Samuel Ipoua (nach Toulouse gewechselt) und "Büffel" Christian Stumpf (Transfer zum Karlsruher SC) zu ersetzen.
>> Die Rapid-Transfers in der Saison 1998/99

Saler hatte bei Rapid damals noch niemand auf der Rechnung. Doch die Nummer 12 wurde durch seine Laufstärke und Kampfkraft für den damaligen Chefcoach Heribert Weber bald zum wichtigen "Joker" in heiß umkämpften Schlussphasen. Am 30. August 1998 erstmals mit durchschlagenden Erfolg: Steirer Weber wechselt Steirer Saler im Finish ein und der erledigt mit seinem Treffer zum 2:0-Sieg die Steirer von Sturm Graz.

Es sollte das Duell um die Meisterschaft in der Saison 1998/99 sein: Rapid - Sturm. Nach einem 1:1-Remis im ausverkauften Schlager der 34. Runde am 15. Mai 1999 gingen die beiden Spitzenteams nur durch einen Punkt getrennt (mit Vorteil für den Spitzenreiter aus Graz) in die letzten beiden Spieltage. Es folgte der 22. Mai 1999 und ein unglaublicher Thriller in der vorletzten Runde.

Bei Rapid gegen Ried stand es bis nach der Pause ebenso noch torlos wie im Grazer Derby zwischen dem GAK und Sturm. Bis in der 52. Minute Ivica Vastić nach Freistoß von Hannes Reinmayr für die schwarz-weiße Führung im Duell der Lokalrivalen sorgte. Doch ein völlig verrücktes Handspiel von Gilbert Prilasnig brachte dem GAK einen Elfmeter ein, den Boban Dmitrović trotz eines äußerst schwach getretenen Versuchs in der 80. Minute zum 1:1-Ausgleich verwertete.

Ein Saler-Kracher knackt den Rieder Abwehrriegel

Im Hanappi-Stadion stand es aber immer noch 0:0. Vor nur 10.700 Zuschauern. Live-Konferenzschaltung im ORF, Medien-Kritik an der vermeintlich viel zu defensiven Weber-Taktik bei Rapid und bestes Mai-Wetter hatten beim Anhang des Rekordmeisters zu anderen Freizeit-Aktivitäten Anlass gegeben.

In der 88. Minute aber verwandelte ein Kracher von Jürgen Saler zur Rapid-Führung das lediglich halb gefüllte "Sankt Hanappi" (der spätere Copyright-Inhaber Josef Hickersberger war zu dieser Zeit noch als Trainer im arabischen Raum tätig) in ein Tollhaus. Ried-Keeper Milan Oraze war beim Gewaltschuss des im Finish eingewechselten Youngsters geschlagen. Die Hütteldorfer plötzlich Tabellenführer. Das Meisterstück in der Schlussrunde in den eigenen Händen. Jürgen Saler als Titelheld?

Es blieb ein Traum für wenige Minuten. In der 93. Minute stach nämlich auch in Graz ein "Joker"entscheidend. Jan-Pieter Martens sorgte zwölf Sekunden vor dem Ende der Nachspielzeit für den 2:1-Sieg von Sturm gegen den GAK. Riesenjubel beim Anhang der Schwarz-Weißen im Arnold-Schwarzenegger-Stadion, Muskelspiele wie beim prominenten Namenspatron.

Entsetzen hingegen in der Bundeshauptstadt. Rapid verlor Platz eins und den erhofften psychologischen Vorteil für die 36. Runde in letzter Minute. Sturm ließ sich die große Chance eine Woche später nicht nehmen und holte durch einen 3:0-Heimsieg gegen den FC Tirol zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte die Meisterschaft. Rapid blieb nach einer Nullnummer gegen damals noch violette Salzburger nur Rang zwei.

Jürgen Saler stand dabei in der Anfangsformation. Sein Siegestor gegen Ried hatte aber die Magie verloren. Statt Titelheld "nur" trauriger Vizemeister. Die Hütteldorfer fühlten sich als erste Verlierer. Zufrieden mit dem dadurch fixierten Startplatz in der Qualifikation der Champions League war damals niemand. Aktuell würden die Herren Krammer, Peschek, Bickel und Canadi für Platz zwei wohl den interreligiösen Andachtsraum im neuen Stadion aufsuchen.

Und Fortuna füllt den Lottoschein aus

Das ist aber eine andere Geschichte. Jene von Jürgen Saler wurde am 20. Februar 2002 neu geschrieben. Rapid überwinterte zu diesem Zeitpunkt als Vorletzter. Auf der Betreuerbank und im Wiener Nachtleben trieb längst ein gewisser Lothar Matthäus sein Unwesen.

Glücklos als Trainer, erfolgreich bei der Damenwelt. Der Weltmeister-Kapitän von 1990 war als Spieler eine ganz große Nummer, in seiner Ära als Chefcoach hingegen nur ein kleiner Fisch. Auch bei seinen späteren Stationen in Serbien, Ungarn, Brasilien, Israel und Bulgarien blieb "Loddar" ohne Erfolg.

Immerhin fiel er während seiner Tätigkeit als Co-Trainer (böse Zungen nannten es auch "Hütchen-Aufsteller") bei RB Salzburg noch dadurch auf, dass er Journalisten lautstark nach den Ergebnissen der deutschen Bundesliga befragte. Inzwischen verdient er dank "Sky" damit als TV-Experte sogar sein Geld.

Am 24. Februar 2002 bejubelte Matthäus aber als Rapid-Coach noch einen 1:0-Heimsieg gegen Salzburg. Beim Comeback von Andreas Herzog in der österreichischen Bundesliga und in Wien-Hütteldorf ein kurzer Moment der Freude. Jürgen Saler, der in der Anfangsformation des vermeintlichen deutschen Star-Trainers stand (am Saisonende gab es mit Rang acht die schlechteste Platzierung der Rapid-Geschichte), hatte hingegen schon vier Tage zuvor ein ganz anderes Erfolgserlebnis gehabt.

Am 20. Februar 2002 knackte der Exil-Steirer bei der Lottoziehung 6 aus 45 zusammen mit einem weiteren Gewinner mit sechs richtigen Zahlen den Jackpot in Höhe von je 376.822 Euro. Die Zahlen 11, 16, 24, 39, 43 und 44 machten es möglich. "Ich habe immer gesagt, ich gewinne einmal. Ich habe fix damit gerechnet", beschrieb Saler sein Glücksgefühl Jahre später sehr gefasst und mit dem Selbstvertrauen Marke Profi-Kicker.

Er kam an jenem Mittwoch von einer Spielersitzung bei Rapid zurück, drehte den Fernseher auf und sah im Teletext, dass er gewonnen hatte: "Das war witzig, das kann man nicht beschreiben."

Fertigteilhaus, Gartenhäuschen, Pool und Fußballtor in Kindergröße

Für das frischgebackene Ehepaar Karin und Jürgen Saler (der Lotto-Gewinn fiel genau zwischen standesamtliche und kirchliche Trauung) aber kein Grund um vor der bevorstehenden Hochzeitsreise die Bodenhaftung zu verlieren.

"Ich komme aus einem extrem bescheidenen Elternhaus, wir haben immer raufen müssen mit der Marie. Ausflippen tuast da nit", beschrieb er gegenüber den österreichischen Lotterien die damalige Situation. "Wir haben die Familie ein bisschen unterstützen können."

Die eigene Familie sollte durch Sohn Fabio (geboren im Dezember 2002) und Tochter Anna (Geburt im Juli 2004) bald Verstärkung erhalten. Zudem erfüllte man sich dem Traum vom Eigenheim: Ein Fertigteilhaus am Rande von Spielberg im Grünen mit Gartenhäuschen, Pool und Fußballtor in Kindergröße schien das private Glück perfekt zu machen.

"Karin ist aufgewacht und konnte nicht mehr aufstehen"

Im März 2009 relativierte sich für Jürgen Saler, der nach seinem Abschied von Rapid im Sommer 2003 und einer Station beim Kapfenberger SV inzwischen beim WAC/St. Andrä spielte, jedoch das vermeintliche perfekte Leben.

Karin Saler erlitt im Schlaf einen Schlaganfall. "Sie ist aufgewacht und konnte nicht mehr aufstehen." Halbseitig gelähmt. Einen Monat Krankenhaus, zehn Wochen Reha, monatelang Rollstuhl. Langsam lernen, mit allen Einschränkungen zu leben. Gatte Jürgen ließ sich zunächst beurlauben: "Es war klar, dass die Kinder mich brauchen." Er beendete seine Profi-Laufbahn und ließ die aktive Karriere in Zeltweg ausklingen.

"Es war wichtiger, zu Hause zu sein, als auf dem Fußballplatz." Ein Job bei einer Versicherung und die eigene Familie füllten sein Leben aus: "Wenn du Kinder hast, dann ist nur wichtig, dass sie gesund sind."

Geld - so Jürgen Saler - sei zwar beruhigend: Glücklich macht es aber nicht." Dennoch spielt der Ex-Rapidler immer noch Lotto und kündigte beim zehnjährigen Jubiläum seines Sechsers unbeirrt an: "Ich gewinne noch einmal." Wer einmal Lothar Matthäus als Trainer hatte, der verfügt offensichtlich über genug Selbstbewusstsein gleich zweimal den Jackpot abzuräumen. Auch wenn man selbst nur Chefcoach beim ESV Knittelfeld ist.

Mehr dazu:
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Christian Tragschitz

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