03.04.2017 08:00 Uhr

Kultverein steht vor Neustart

Lost grounds: Das Lindenstadion des SC Eisenstadt
Lost grounds: Das Lindenstadion des SC Eisenstadt

Ein Kultverein steht vor dem Neubeginn. Mit Vergangenheit im Oberhaus, Mitropacupsieg und einem legendären Stadion. Dem Comeback wird jedoch von einigen Seiten Skepsis entgegengebracht: Der SC Eisenstadt 1907 lebt, aber hat das Projekt auch eine Zukunft?

Erinnerungen an große Siege, schmerzhafte Niederlagen, finanzielle Probleme, klangvolle Namen und ein schmerzhaftes Ende im weltfussball-Rückblick.

Die glorreichen Zeiten in Nationalliga und Bundesliga machen den SC Eisenstadt zum nach wie vor erfolgreichsten Fußball-Verein im Burgenland. 13 Mal war man in der höchsten Spielklasse vertreten. Ein Rekord, der weiterhin unerreicht ist. Der SV Mattersburg kann die burgenländische Bestmarke in der kommenden Saison nur dann einstellen, wenn in der laufenden Spielzeit der Klassenerhalt gelingt.

Die Geschichte der Region spielte auch für den SC Eisenstadt eine wichtige Rolle. 1907 wurde der Kismarton Football Club gegründet. Die Freistadt Eisenstadt gehörte damals noch als Kismarton ("Klein-Martin") zu Deutsch-Westungarn. Das östlich von Kern-Österreich und Cisleithanien gelegene Gebiet war Teil der ungarischen Krone. Nach dem ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie verweigerte Ungarn das Urteil des Vertrags von Saint Germain, wonach Ödenburg Österreich zugesprochen wurde.

Letztlich musste zur Entscheidung eine Volksabstimmung her: Sopron fiel dabei an Magyarország und schneidet noch heute als Teil Ungarns wie ein Dorn in österreichisches Staatsgebiet. Das Burgenland als neues rot-weiß-rotes Bundesland brauchte eine neue Hauptstadt und fand sie mit Eisenstadt.

Ab 1967/68 auch Teil der Fußball-Landkarte Österreichs 

So schwierig wie die politische Situation war lange auch das Fußball-Tagesgeschäft beim Sportclub Eisenstadt. Als Meister der Regionalliga Ost stieg der SCE 1967 aber erstmals in die Nationalliga auf und feierte damit die Premiere in Österreichs höchster Spielklasse. Sehr zur Freude des Publikums: Zu den Heimspielen gegen Wacker Innsbruck, Rapid und die Wiener Austria strömten jeweils über 10.000 Zuschauer. Am Ende landete man in der Fan-Bilanz auf Platz sechs und ließ dabei sogar Sturm Graz hinter sich.
>> Die Zuschauer-Tabelle in der Saison 1967/68 in der Nationalliga 

Gespielt wurde dabei im Lindenstadion. Nachdem der Sportplatz auf der Hutweide ausgedient hatte, war man bei der Suche nach einer neuen Heimat an prominenter Stelle fündig geworden. Die Familie Esterházy hatte als eine der reichsten Adelsfamilien Mitteleuropas zahlreiche Schlösser im Besitz, so auch in Eisenstadt. Im Schlosspark (idyllisch etwas oberhalb der Stadt gelegen) entstand deshalb in fast zwei Jahren Bauzeit die "Burgenländische Landessportanlage und Landessportschule", die 1953 eröffnet wurde.

Allerdings gegen Widerstand der sowjetischen Besatzungskräfte, die nach Ende des zweiten Weltkriegs im Osten Österreichs die Kontrolle hatten. "Wenn wir hier weg sind, dann wird es heißen wir haben den Park zerstört", lautete die Begründung zum ursprünglichen Veto der Roten Armee gegen die Stadion-Pläne im Schlosspark. Bedenken wurden zudem auch von der übrigen Bevölkerung befürchtet, weil es dort mehrere Linden und Platanen gab. Eine Abholzung hätte sicher für böses Blut gesorgt.

Also musste ein Trick her, um doch noch das Stadion zu ermöglichen: Die Bäume wurden in der Nacht heimlich mit Alaun angebohrt und dann wartete man, bis sie nach vier Wochen der Reihe nach verendeten. Nur eine einzige Linde blieb über. Kein Wunder, dass sich bald der Name "Lindenstadion" einbürgte, weil vor dem Vereinshaus der standhafte alte Baum alle Anschläge überlebt hatte. Zusammen mit der mächtigen überdachten Haupt-Tribüne bildete die sonstige Natur-Arena später für Fußball-Romantiker einen ganz besonderen Platz. Ein Stadion mitten in einer Parkanlage.

Roter Husar, SC Römerquelle und Kaffee-Derby Eduscho - Alvorada

Voller kurioser Erlebnisse war nicht nur die Geschichte der Heimstätte sondern auch die Namens-Historie beim Sportclub Eisenstadt: Der SC und Hakoah Eisenstadt fusionierten in der Zwischenkriegszeit zu einem Arbeitersportverein, später gab es eine weitere Fusion mit dem Lokalrivalen NEWAG Eisenstadt, aber der Name SC Eisenstadt überdauerte die Jahrzehnte.

Dann kam die Zeit der Dressenwerbung und in Burgenlands Landeshauptstadt nahm man dabei eine Vorreiterrolle ein: Eine lokale Weinmarke lieferte den Titel und der SC Roter Husar Eisenstadt war geboren. Später wurde man auch noch zum SC Römerquelle Eisenstadt (es gab sogar Überlegungen die Vereinsfarben an den grün-weißen Sponsor anzupassen), SC Brix Alu Eisenstadt und SC Eduscho Eisenstadt.

In der Saison 1982/83 kam es zudem durch den Bundesliga-Aufstieg eines weiteren burgenländischen Vereins zu einem ganz besonderen Spielen: Der SC Alvorada Neusiedl/See und der SC Eduscho Eisenstadt sorgten für ein "Kaffee-Derby" in der höchsten Spielklasse.

Krankl mit Gipsbein als "Dompteur" und Eisenstadt als Mitopacupsieger

Am Ende dieser Spielzeit erlebte das Lindenstadion dann jene Partie, die sich bis heute am nachhaltigsten in das Gedächtnis vieler Fußball-Fans eingebrannt hat. In der letzten Bundesliga-Runde holte sich Rapid am 25. Juni 1983 mit einem 4:0-Sieg in Eisenstadt den Meistertitel. 15.000 Fans sorgten für die Rekord-Kulisse bei einem Bewerbsspiel in der burgenländischen Landeshauptstadt.

Der verletzte grün-weiße Torjäger Hans Krankl sorgte als "Dompteur" auf der Laufbahn trotz Gipsbein und Krücken dafür, dass die völlig entfesselten Rapid-Anänger nicht schon lange vor dem (ohnehin zwei Minuten zu früh erfolgten) Schlusspfiff den Platz stürmten. Zäune gaben nach, Menschen standen am Spielfeldrand und ein vorausdenkender Schiedsrichter gab die Devise aus: "Ball in die Nähe der Kabinen und dann laufen!" 
>> Der Zuschauer-Rekord im Lindenstadion beim Meisterstück des SK Rapid 1983

Laufen sollte es jedoch im folgenden Jahr auch beim SC Eisenstadt. 1984 holte man sich gegen den FK Priština, TJ Sklo Union Teplice und Vasas Budapest den Sieg im traditionsreichen Mitropacup. Zudem knöpfte man im Herbst 1984 auch dem späteren Europacup-Finalisten Rapid in einer spektakulären Schlussphase ein 1:1-Remis ab. Ausschluss für den Gäste-Torschützen Antonin Panenka und dann der herrliche Ausgleich durch ein Traumtor seines ČSSR-Landsmanns Přemysl Bičovský genau ins Kreuzeck: Das Publikum im Lindenstadion tobte.

Die damalige Aufstellung des SC Eisenstadt: Leo Martinschitz; Rudolf Strobl; Oswald Steiger, Peter Kloiber, Martin Lefor; Michael Fleischhacker (79. Karl Rupprecht), Přemysl Bičovský, Johann Schöll, Heinz Peischl (46. Johann Füzi); Detlef Bruckhoff, Erwin Schneider - Trainer war Felix Latzke.

Lovely Days im Lindenstadion und auch für den SC Eisenstadt?

Glorreiche Zeiten des SC Eisenstadt, die spätestens mit dem Bundesliga-Abstieg 1987 zu Ende waren. Konkurs und Zwangsausgleich hatten ein Jahr danach endgültig Tore und Triumphe abgelöst. Davon sollte sich der Verein nie mehr erholen. Bittere Abstiege bis in die Burgenlandliga, neue Hoffnung, doch in der Saison 2007/08 musste dann in der Regionalliga Ost mitten unter der Meisterschaft der Spielbetrieb eingestellt werden.

Die behördliche Auflösung am 2. April 2011 war ein schwarzer Tag für alle Fans des SCE. Dabei ist der Verein auch heute noch unvergessen. Dafür sorgt nicht zuletzt auch Gerhard Tinhof, der mit seiner Homepage "In memoriam SC Eisenstadt" ein echtes Juwel für Fußball-Nostalgiker geschaffen hat. Umso schmerzlicher sind im Vergleich dazu die gescheiterten Versuche eines Eisenstadt FC oder eine erneute Geburt des SC Eisenstadt am 2. Oktober 2014, welche aber bereits am 21. Februar 2016 wieder Geschichte war.

Auch die Neugründung des SC Eisenstadt 1907 sorgt bei Kritikern aufgrund der schlechten Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit nicht für vorbehaltlose Begeisterung. Sogar Ex-ÖFB-Teamspieler Paul Scharner, der zuvor noch als prominenter Name für das Amt des Obmanns gehandelt wurde (dann aber absagte), ließ bei der Generalversammlung im vergangenen Monat mit einiger Skepsis aufhorchen. 

Der Traum vieler Anhänger ist es noch einmal im Spiel am Standort des legendären Lindenstadion zu sehen, auch wenn es dieses leider mittlerweile längst nicht mehr gibt. Dafür wird es dort im Juli beim Lovely Days Festival im Schlosspark Esterházy wohl wieder erneut einen gerammelt vollen Campingplatz geben.

Lieblich war stets auch ein Besuch der herrlichen Anlage des SC Eisenstadt. 1996 strömten 16.000 Fans zum Testspiel des SK Rapid gegen Werder Bremen ins Lindenstadion und sorgten für einen warmen Regen in der sonst oft sehr spärlich gefüllten SCE-Vereinskasse. Bleibt es bei der Erinnerung daran oder gelingt ein Neubeginn? Man kann dem Projekt nur das Beste wünschen. Ein Fußball-Standort mit Geschichte. Es gibt mittlerweile ohnehin viel zu wenige davon in Österreich.

Mehr dazu:
>> Alle Oberhaus-Spieler des SC Eisenstadt von A bis Z

Christian Tragschitz

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