12.07.2016 12:57 Uhr

Argentinien: Krise, wohin das Auge reicht

Zwei Opfer der AFA-Krise: Gerardo Martino (l.) und Luis Segura
Zwei Opfer der AFA-Krise: Gerardo Martino (l.) und Luis Segura

Kein Copa-Titel, kein Nationaltrainer, kein Kapitän, kein Präsident, kein Geld. Stattdessen Perspektivlosigkeit, interne Machtkämpfe im Verband, anhaltende Korruptionsvorwürfe und der Streit um ein neues Liga-Format - der argentinische Fußball versinkt derzeit im Chaos.

Der nächste, der das sinkende Schiff verlässt. Dabei kann der argentinische Fußball-Fan ihm das nicht einmal verübeln. Nach der Copa-Pleite und dem unmittelbaren Rücktritt von Kapitän Lionel Messi zog auch Nationaltrainer Gerardo Martino die Reißleine.

Doch mit sportlichem Misserfolg hatte seine Entscheidung nur bedingt zu tun. Vielmehr steht sein Rücktritt in direktem Zusammenhang mit den großen Problemen innerhalb der "Asociación de Fútbol Argentino".

Orga-Pannen und Olympia-Probleme

Martino ärgerte sich schon länger über die organisatorischen Probleme des Verbandes. Als die AFA im vergangenen Jahr nationale Spieltage derart terminierte, dass der Trainer Spieler für Länderspiele nicht berufen konnte, brach "El Tata" erstmals das Schweigen: "Die Leidtragenden sind die Spieler. So etwas darf nicht vorkommen".

Außerdem musste er über Monate hinweg auf Gehaltszahlungen warten. Doch anstatt diese öffentlich einzufordern, begnügte er sich kurz vor der Copa América mit einer kleinen Anzahlung. Stillschweigend, versteht sich, um nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.

Die Vorbereitung für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Gleich mehrere Vereine in Europa versagten dem Trainer die Berufung ihrer Spieler. Anstatt Druck auszuüben, schwieg der Verband. Und Martino ging. Genauso wie Lionel Messi, der seinem Unmut bereits kurz vor dem Finale der Copa América Luft machte: "Die von der AFA sind eine Katastrophe!"

Wie geht es für das stolze Andenland nun weiter? Zunächst schien gar die Teilnahme bei Olympia in Gefahr. Am Ende beförderte die AFA dann doch den bisherigen U20-Trainer Julio Olarticoechea. Dieser wiederum hinterlässt eine Lücke im Nachwuchsbereich.

Führungslos, korrupt und machthungrig

Naheliegend ist, dass die unzähligen Probleme nicht alle auf einmal entstanden, sondern eher das Produkt einer langen Fehlerkette sind. Nach dem Ableben des AFA-Chefs Julio Grandona im Jahr 2014, der die Geschicke in 35 Jahren Alleinherrschaft leitete, blieb die Dachorganisation ohne wirkliche Führung. Schulden und Korruptionsvorwürfe waren das einzige, was er dem mittlerweile zurückgetretenen Interimschef Luis Segura hinterließ.

Seit 2009 werden anhaltende Korruptionsvorwürfe von der Justiz untersucht. Die AFA soll Regierungsgelder für TV-Übertragungsrechte jahrelang veruntreut haben. Stimmen über einen Ausschluss aus der FIFA wurden laut. Richterin Servini de Cubria forderte öffentlich, die neue Regierung des Landes müsse "wegen der Krise und des öffentlichen Interesses intervenieren". Interveniert die Regierung, droht jedoch Gewerkschaftschef Hugo Moyano mit der Einstellung des Fußballbetriebs - ein Teufelskreis. Zuletzt drohten gar die Schiedsrichter mit Streik, da auch sie auf ausstehende Gehälter warten.

Die Probleme in Argentinien sind so groß, dass die FIFA im Juni eine eigens geschaffene "Normalisierungs-Kommission" einberief, um die Reorganisierung des Verbandes zu lenken. Sie steht unter der Aufsicht des Schweiz-Kolumbianers Primo Corvaro und der paraguayischen Anwältin Montserrat Gímenez. Volksheld Diego Maradona, enger Vertrauter von FIFA-Boss Gianni Infantino, agiert als Vermittler.

Ein siebenköpfiges Gremium wurde indes einberufen, welches die neue AFA für ein Jahr führt. Das notwendige Startkapital von umgerechnet 70 Millionen Dollar für den finanziell ruinierten Verband berappten Ausrüster "Adidas" und einige weitere Geldgeber - immerhin in dieser Hinsicht machte sich die Vermittlung schon jetzt bezahlt. Nun muss die "Gruppe der Sieben" ein weiteres wichtiges Thema klären...

Superliga - der Streit ums große Geld

Die argentinischen Top-Klubs kommen mit einer Forderung daher, die in die höchsten politischen Kreise des südamerikanischen Landes greift. Traditionsvereine wie Boca Juniors, River Plate und San Lorenzo fordern nämlich die Einführung einer neuen "Superliga" mit einem Zwei-Ligen-System nach europäischem Vorbild.

Doch hinter der neuen Liga steckt vielmehr das Lechzen nach dem großen Geld. TV-Gelder, bisher von der AFA verhandelt, sollen in Zukunft dezentral vergeben werden. 80 Prozent der Einnahmen sollen an die Erste Liga, 20 Prozent an die Zweite Liga ausgeschüttet werden. Der TV-Erlös für die einzelnen Klubs ermisst sich dann zur Hälfte aus einem gleich hohen Sockelbetrag sowie einem je nach Vereinsstärke variierenden Schlüssel.

Wenn Präsidenten sich einmischen

Rückendeckung kommt von Staatsoberhaupt Mauricio Macri, der selbst zwischen 1995 und 2007 Präsident von Boca Juniors war: "Wir können nicht mit einem System weiterleben, das von nur einer Person geschaffen wurde. Die Fans verdienen bessere Stadien, bessere Spieler und bessere Organisation. All das erreichen wir nur mit besserer Organisation und Transparenz", sagte er im Mai vor laufenden Kameras.

FIFA-Funktionär Primo Corvaro hat unterdessen kein Interesse an einer Änderung des Systems und fand deutliche Worte: "Die TV-Gelder bleiben bei der AFA. So will es die FIFA." Eiszeit in Argentinien. Wegen der Krise wurde der erste Spieltag mittlerweile um eine Woche nach hinten verschoben. Im Olympia-Kader sucht man übrigens vergebens nach bekannten Gesichtern. Paolo Dybala von Juventus fehlt ebenso wie Mauri Icardi von Inter - beide waren Martinos Wunschspieler...

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